Ausstellung im HDAG (Mai bis August 2013)

Jüdische Familien in Alfter

Da passte alles zusammen: ein reicher Quellenfundus, eine gelungene Ausstellungskonzeption, und ein reger Besucherandrang.

Mehr als 80 Besucher nahmen am Sonntag, dem 26.05., um 10:30 Uhr an der Eröffnung der Ausstellung "Jüdische Familien in Alfter" teil. Nachdem der Vorsitzende der Fördervereins Werner Jaroch die Gäste begrüßt hatte, übergab er das Wort an die Koordinatorin der Ausstellung, Dr. Bärbel Steinkemper. Diese erläuterte die einzelnen Stationen und dankte den zahlreichen Unterstützern, die durch Beiträge, Bereitstellung von Exponaten oder sonstige Zuwendungen die Ausstellung erst möglich gemacht hatten. 

Ausgangspunkt der Ausstellung bildet ein gerahmtes Bild, das dem Alfterer Juden Moritz Sander zur Erinnerung an seine Militärdienstzeit bei der Artillerie in Jöteborg von 1910 bis 1912 übergeben worden war. Es zeigt den Kanonier auf einem Foto, umrahmt von der Beischrift "Stolz kann ich sagen / dies Zeichen durft ich tragen", zusammen mit zwei Epauletten und dem preußischen Schwarzen Adler-Orden. 

Keine 30 Jahre später musste der zuvor für seinen Vaterlandsdienst Geehrte sein Geschäft in Alfter schließen, und konnte noch gerade rechtzeitig das Land verlassen, das ihn auf einmal nicht mehr haben wollte. "Dieser extreme Wandel der gesellschaftlichen Stellung wirkt sehr befremdlich, zumal Moritz Sander nicht irgendwo in Deutschland, sondern hier bei uns in Alfter gelebt hat", meint dazu eine Besucherin am Eröffnungstag treffend. 

 

Zur Geschichte der einzelnen jüdischen Familien in Alfter, den Sanders, den Cossmanns und den Isreals, konnte das Haus der Alfterer Geschichte auf einen reichen Quellenfundus zurückgreifen. Dieser basiert maßgeblich auf Recherchen und Zeitzeugeninterviews, die Anfang der 80er Jahre von Alfterer Hauptschülern der Klasse 7 unter der Leitung der Lehrerin Roswitha Weber durchgeführt worden waren. Diese spannenden und sehr bewegenden Dokumente werden in der Ausstellung anhand von Texten und bilderten Schautafeln zugänglich gemacht. Sehr bereichernd für die Austellungseröffnung war, dass die Lehrerin und auch einige der damals aktiven Schüler dabei sein konnten, und sich an den Diskussionen beteiligten. Letztlich ist die umfangreiche und preisgekrönte Arbeit der Hauptschule ein maßgeblicher Grund, warum in Alfter nicht nur die Fakten offen liegen, sondern auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Alfter stattfinden konnte. Besucher aus benachbarten Kommunen wiesen darauf hin, dass dies keinesfalls die Regel ist.

Wie in der Ausstellung zum Ausdruck kommt, waren die jüdischen Familien vor 1933 in Alfter weitgehend in das dörfliche Gesellschaftsleben integriert. Sie betrieben ihre Geschäfte, vorwiegend Metzgereien, aber auch Textilgeschäfte. Im Laufe der 30er Jahre wurden die beruflichen Möglichkeiten der Juden aber zunehmend eingeschränkt, und es setzte zusehends eine Ausgrenzung ein. In der Reichskristallnacht wurden in Alfter ebenso wie im ganzen Reich die Geschäfte und Wohnungen zerstört, und einzelne Familienmitglieder nachweislich angegriffen und mißhandelt. Auch wenn diese Tätlichkeiten gegen die Juden von vielen Alfterern abgelehnt wurde, war offener Widerstand selten. Man hatte Angst, selbst Opfer der Ausschreitungen zu werden und war weitgehend gezwungen, hilflos zuzusehen.

Andereseits gab es auch, wie die Dokumente offenbahren, offene Solidarität, wenn zum Beispiel eine Alfterer Familie ihren jüdischen Nachbarn in der Kristallnacht Zuflucht bot, und sich damit selbst in Lebensgefahr brachte. Besonders beklemmend  in diesem Zusammenhang des nachbarschaftllichen Miteinanders wirkt das in der Ausstellung gezeigte wertvolle Geschirr, dass die Cossmann den benachbarten Falkenbachs kurz vor ihrer Deportation mit den Worten überreichte, dass "man das nun nicht mehr brauche".  

Ergänzend zu den Arbeiten der Hauptschule hat das Haus der Alfterer Geschichte noch eigene Interviews mit dem mittlerweile überschaubaren Kreis von Zeitzeugen durchgeführt. Diese Originalberichte können in der Ausstellung an einer installierten Audiostation abgehört werden.  Den Hintergrund für die Aufnahmen erklärte der Vorsitzende des Fördervereins, Werner Jaroch: "Wir vom Haus der Alfterer Geschichte wollen nicht nur die bereits bekannte Dorfgeschichte aufgreifen, sondern neue Kapitel hinzfügen. Wir wollen noch vorhandenes Wissen für nachfolgende Generationen dokumentieren. Die Zahl der Dorfbewohner, die als Zeitzeugen etwas zu den jüdischen Familien in Alfter sagen können, ist mittlerweile sehr überschaubar. Es ist wichtig, dieses Wissen jetzt zu bewahren." 


Neben den Informationen zu den jüdischen Familien greift die Ausstellung die Aktion "Stolpersteine" auf. Die mit den Namen der deportierten Juden versehenen Steine wurden im Jahr 2008 von dem Künstler Gunter Demnig auch in Alfter verlegt (http://www.stolpersteine.com/). Damals hattte es eine zum Teil kontroverse Diskussion in Alfter um die Aktion gegeben, die auch breite Aufmerksamkeit in den Medien gefunden hat. 

 

In einem weiteren Abschnitt widmet sich die Ausstellung dem jüdischen Friedhof am Fuße des Friedensweges. 

 

Für Interessierte ist die Ausstellung noch bis Ende Juli 2013 jeden Dienstag und Donnerstag von 19 bis 20 Uhr zugänglich.